Künstler

Mathias Gentinetta

Bruno Gentinetta

Sieglinde Wittwer


Das druckgraphische Werk des Züricher Künstlers Mathias Gentinetta

Von Beat Reck

Der Schweizer Künstler Mathias Gentinetta (geb. 1963 ) hat sich in den letzten zehn Jah - ren ganz der Druckgraphik zugewandt. Wer ihn in seiner Züricher Druckwerkstatt besucht, bekommt nicht nur Einblick in Gentinettas zeitintensive Arbeitsweise, sondern erhält zugleich einen Schlüssel zum komplexen druckgraphischen Werk des Künstlers.

Zur geräumigen Werkstatt des Kupferdruckers Mathias Gentinetta muss man erst einige Treppenstufen nach unten steigen. Sie befindet sich in einem Industriegebäude, etwas tiefer als das Erdgeschoss, aber etwas höher als ein Keller - geschoss. Die Lage, eher zufällig, hat aber etwas Bezeichnendes: So wie Archäologen in tieferen Schichten forschen, so hat sich Mathias Gentinetta etwas tiefer eingegraben: in die Geschichte der Druckgraphik ebenso wie in seine eigene Erfahrungswelt.

Zum Einen geht es dem Künstler darum, Tradition und Technik des alten Handwerks lebendig zu halten. Zum Andern hat er mit seiner Kupferdruck werk - statt auch einen Ort geschaffen, an dem die eigenen, tiefer liegenden Bilder langsam an die Oberfläche kommen, um auf Kupferplatten ma nifest werden können. In Zürich, Rom und Wien in verschiedenen künstlerischen Techniken ausgebildet, arbeitet Gentinetta heute ausschließlich im Kupferdruck: „Druckgraphik ist 22 mein Medi um, meine Art zu denken und Ideen zu entwickeln.“

Seit mehr als einer Dekade widmet er sich intensiv den unterschiedlichen Techniken des Kupferdrucks, als Künstler und Handwerker, als Ausstellungsmacher und als Lehrer. Ausgangspunkt bilden dabei die traditionellen Ver - fahren des Ritzens, Stechens und Ätzens, hinzu kommen moderne fotomechanischen Techniken, die das Ausdrucksrepertoire erweitern und Brücken schlagen zu gegenwärtigen, digital unterstützten Reproduktionsmöglich kei ten. Die Bilder entstehen lassen In Gentinettas oft großformatigen Drucken durch dringen sich Bild- und Zeiträume auf vielfältige Art und Weise. Was sich dem Be - trachter auf den ersten Blick als verwirrende Bildfülle präsentiert, ist nicht nur als räumliche Komposition gedacht, es ist ebenso Abbild von erinnerter Zeit. „Erinnern ist kein linearer Vorgang“, kommentiert der Künstler. „Entsprechend ist meine Arbeitsweise. Bilder drängen sich in den Vordergrund, machen später anderen Bildern Platz, verschwinden vielleicht oder sind nur noch als Fragment erkennbar. Meine Druckplatten zeichnen das Entstehen und Vergehen von Bildern auf.“ Die nicht-lineare Art des Erzählens ist charakteristisch für Gentinettas künstlerische Verfahren. Es geht ihm nicht darum, die Welt als Bild zu fassen, vielmehr soll der Prozess der Bildfindung sichtbarer Teil der Arbeit sein. Der Herkunft der Bilder sind dabei kaum Grenzen gesetzt. Das eigene Erleben ist ebenso Bildquelle wie der Fundus der Kunstgeschichte oder etwa Reproduktionen aus Nachrichtenund Unterhaltungsmedien.

„Meine Druckgraphik bringt eine Vielfalt von Bildwelten zusammen. Dabei interessiert mich die Um set - zung ebenso wie die Übersetzung. Wie ver - ändern sich Bilder durch die Übersetzung in das Schweizweiß des Kupferdrucks? Wie wirkt die drucktechnische Umsetzung von Handzeichnungen?“

Was Arbeitsschritt für Arbeitsschritt auf der Kupferplatte entsteht, wird so zum Abbild eines Arbeitsprozesses, an dessen Ende sich innere und äußere, eigene und fremde, bewusste und unbewusste Bildwelten durchdringen. Die Entschleunigung der Wahrnehmung So komplex die Organisation des Bildprogramms, so komplex der handwerkliche Arbeitsprozess selbst: Immer wieder werden im Verlauf der Bearbeitung einer Druckplatte einzelne Teile weggeschliffen und von Neuem eingearbeitet, mal in Kaltnadel-Technik, mal als Radierung. Zwar gibt es Entwürfe, die meist aus collagierten Einzelbildern bestehen, aber diese sind eher Vorstadien als Vorlagen für die Ausführung.

Der aufwändigste Teil der Arbeit beginnt mit der Bearbeitung der Kupfer platte selbst. Nicht nur Linien, auch Ton - werte werden dabei vielfach nachbearbeitet. Immer wieder wandert die Platte ins Säurebad, bis Intensität und Prägnanz des Druckbildes exakt den Vorstellungen des Künstlers entsprechen. „Ich schleife Material weg, ätze gewissen Partien tiefer, so dass sie dunkler werden, füge neue Bilder ein, zeichne Linien nach, verstärke Konturen oder glätte sie.“ Dies erfordert viel Zeit, Tage und Wochen vergehen, bis eine neue Platte druckfertig ist. „Der Kupferdruck ist kein Just-in-Time-Medium“, kommentiert der Künstler seine Arbeitsweise. „Im Gegenteil, das Herstellungsverfahren ist auf Entschleunigung angelegt und bringt so die (Arbeits-)Zeit als grundlegende Dimension in den künstlerischen Prozess zurück.“ Besonders deutlich zeigt sich dieser bewusste Umgang mit Zeit in den großformatigen Zyklen, die eine vielfach fragmentierte Geschichte von Gefährdung und Rettung darstellen. Den großen Platten liegt eine Erinnerung zu Grunde, die auf verschiedene Art und Weise erzählt – erinnert – wird. „Man erkennt einen Autofahrer. Und einen Beifahrer, der ihn beobachtet. Zwei Perspektiven, zwei Erlebniswelten. Das Tempo wird beschleunigt. Das Fahrzeug kommt ins Schleudern. Soll der Beifahrer eingreifen? Riskiert er womöglich die Situation zu verschlimmern? Sekundenbilder, die sich ins Gedächtnis einritzen. Es gibt eine Rettung. Aber sie findet woanders statt: Der Beifahrer stürzt vom Mast eines alten Segelschiffs. Er wird gerade noch festgehalten. Die Hand, die ihn festhält, findet sich als Bildmotiv auf mehreren der großen Druckplatten.“

So momenthaft das Dargestellte, so zeitaufwändig der Prozess seiner Darstellung. Da wird mit äußerster Intensität von einem Moment erzählt, jedoch in einer künstlerischen Technik, die viele Stunden höchst konzentrierter und planvoller Arbeit in Anspruch nimmt. „Kupferdruck ist eine Präzisionstechnik“, löst der Künstler den vermeintlichen Widerspruch auf, „die Schärfe der Linie zeichnet das traditionsreiche Metier aus. Meine Bilder entstehen aus der Unschärfe der Erinnerung. Für mich kein Paradox, sondern eher eine handwerkliche Herausforde - rung.“ Der Zyklus als Erkenntnisprozess In der Geschichte des Kupferdrucks spielt der Zyklus eine wichtige Rolle. Schon seit der Ent - stehungszeit des Mediums wurde in Bild zyklen gedacht, komponiert und produziert. In diese Tradition reiht sich das druckgraphische Werk Gentinettas ein: „Ich arbeite in und an Zyklen.“

Für den grossen Bilderzyklus, der von einer fatalen Autofahrt erzählt, trifft dabei der Freudsche Begriff des Durcharbeitens zu: Es gilt, sich Bild für Bild mit Elementen aus dem Unbewussten auseinanderzusetzen und sie so in die eigene Geschichte integrieren. Dieses visuelle Durcharbeiten eines Geschehens in Form eines groß angelegten Bildyklus fordert vom Betrachter dasselbe wie vom Künstler selbst: Zeit, Geduld, Aufmerksamkeit und Kon templation. Das Arbeiten in Zyklen ist ebenso sehr Arbeits- wie Erkenntnismethode: „Im Verlauf des Herstellens der Druckplatten manifestieren sich immer wieder ungeahnte – und mögliche – Bedeutungen und Bezüge.“ Was auf der Druckplatte schließlich zum Vorschein kommt, ist weniger das Abbild eines zielgerichteten Sehprozesses, vielmehr ist es Protokoll eines komplexen Suchvorgangs, der ebenso Intuition und Eingebung vertraut wie vielfältiger Lektüreerfahrung und Bildrecherche. Im Runge-Zyklus, noch um die Jahrtausendwende entstanden, nähert sich Gentinetta dem romantischen Künstler, indem er dessen zeichnerisches Werk verdichtet und intensiviert. Die Klarheit von Runges Graphiken-Zyklus Die Zeiten, als Visualisierung harmonischer Naturkräfte und einer universellen Ordnung gedacht, wird dabei auf die Probe gestellt. Gen tinetta geht es darum, „neue Lesarten zu ermöglichen“ und das unbestimmte Territorium zwischen klarer Ordnung und latentem Chaos zu erforschen.

Gerade im Kupferdruck ist dies ein spannendes Unterfangen: Das Medium ermöglicht, wie kaum ein anderes, „gestochen“ scharfe Linien – und ebenso Unschärfe, Transparenzen und undefinierte Zonen. Ausgehend von diesen Zwischenzonen ist der Zyklus von kreisrunden Schaufenster-Bildern entstanden. Wie durch ein Okular betrachtet man Schaufensterauslagen: inszenierte, dem Zugriff entzogene, vielfach verspiegelte Welten, in denen sich der Blick nicht mehr zurechtfindet. Das Fensterglas macht alles zur Oberfläche, unterscheidet nicht zwischen Bild und Spiegelbild. Welt und Ware werden eins. Gentinetta nutzt die Tiefe der Oberfläche und versucht sie mit verschiedenen Techniken (Heliogravüre, Kaltnadel, Radierung) auf die Druck platte zu bannen. Immer wieder werden im Schaufensterzyklus Elemente aufgenommen, die auf Gentinettas Felix-Krull-Lektüre zurückgehen. Das Thema von Schein und Sein, von Hermes als Pendler zwischen den Welten und ihren (Halb-)Wahrheiten wird in die Kom position eingebaut. Dabei könnte für Gentinettas Zyklen auch gelten, was Thomas Mann über seinen unvollendeten Krull-Ro - man sagte: „Wie, wenn der Roman weit offen stehen bliebe? Es wäre kein Unglück meiner Meinung nach.“ Werkstatt, Labor, Denkraum Unterhält man sich mit Mathias Gentinetta in seiner Werkstatt, wird das Gespräch immer wieder unterbrochen: Ein Wecker mahnt, die Platten rechtzeitig aus dem Säurebad zu nehmen, Werkstattbenutzer fragen ihn um Rat, Künstler kommen vorbei und besprechen die Möglichkeiten von bestimmten Druckverfahren.

Seine Werk statt ist ebenso ein Ort des Rück zugs wie des Austausches. „Jede Kunst braucht ihren Ort. Was dem Maler das Atelier, ist mir meine Druck werk - statt. Ich betreibe sie als offenes Druckatelier, das von Künstlern und Interessierten benutzt werden kann. Hier ist alles versammelt, was das heutige Kurpferdruck-Handwerk braucht: von Druckpressen bis zum Fotokopierer, von Säurebecken bis zum Computer. Meine Werk - Mathias Gentinetta: Oben: „Runge / Lichtkonstruktionen I“, Fotoätzung, Radierung und Aquatinta, 2005, 360 x 260 mm Unten: „ statt ist mein Werkraum. Dies hat durchaus eine metaphorische Dimension, denn die Bezüge zwischen meinem Arbeitsumfeld und meinen Bildräumen sind sicht- und spürbar.“ Steigt man nach dem Werkstattbesuch wieder die paar Treppenstufen auf Straßenniveau hoch, taucht man aus einer Welt auf, die ihr eigenes Zeitmaß und ihre eigene Räumlichkeit besitzt. Sätze, die im Gespräch mit dem Künstler gefallen sind, klingen nach: „Wer mein Atelier besucht, besucht auch meine Bild räume – und stellt dabei fest: So komplex die Organisation der Werkstatt mit all ihren verschiedenen Arbeitsbereichen, so vielschichtig ist der Auf bau meiner Bildwelten. Unterteilungen, Über lagerungen und Übergänge spielen dabei eine wichtige Rolle.“ Es ist dann auch der Übergang von Gentinettas Werkstattstattwelt in den hektischen Alltag, den man als Atelier - besucher sehr bewusst erfährt: Man verlässt eine Sphäre, in der Bilder entstehen, die im un - ablässigen Medienrauschen unseres Alltags weder wahrnehmbar noch darstellbar wären.